Marktkieker 2018 vergeben

Die Marktkieker-Preisträger 2018 mit der ehrenamtlichen Jury. (Foto: BJ / Andreas Lemke 2018)

In Berlin sind am 10. November das Backhaus Hackner (Gaimersheim), Rheinische Backkultur Terbuyken (Erkrath), die Mecklenburger Backstuben (Waren an der Müritz) sowie die Mohn AG (Sulgen, Schweiz) mit dem Marktkieker, dem wichtigsten Unternehmerpreis der Backbranche, ausgezeichnet worden.

Im Rahmen einer festlichen Gala im Hotel Adlon in Berlin hat das Fachmagazin Back Journal die Marktkieker 2018 / 2019 vergeben. Die Preisträger Stefan und Thomas Hackner (Backhaus Hackner), Peter Terbuyken (Rheinische Backkultur Terbuyken), Günther und Bärbel Neumann, Kathrin Rossa und Dr. Christina Kohn (Mecklenburger Backstuben) sowie Roger und Lorena Mohn (Mohn AG) haben nach Überzeugung der unabhängigen Fachjury Konzepte entwickelt, die beispielgebend für die Branche sind. Bei der Preisverleihung betonte Trond Patzphal als Vorsitzender der Jury: „Die Zukunft der Bäckereien entscheidet sich heute mit der Frage, ob die Ausbildung und Förderung guter Mitarbeiter gelingt. Ihre Beantwortung ist das verbindende Element der erfolgreichen Betriebe. Die Preisträger in diesem Jahr sind nicht nur innovationsfreudig und können mit ausgezeichnetem Marketing punkten. Sie alle sind Vorbild in dieser zentralen Frage.” Mit der Gala in Berlin wurde die Idee des Innovationspreises Marktkieker 31 Jahre alt.

Das Backhaus Hackner überzeugte die Jury neben der vorbildlichen Ausbildungsleistung und Backwarenqualität, manifestiert durch mehrere bayerische Staatsehrenpreise, nicht zuletzt durch seinen glaubwürdigen und offenen Umgang mit dem Einsatz von Technik in einer modernen, handwerklichen Produktion. Grundsätzlich spielt bei Hackner Handarbeit dort eine Rolle, wo sie qualitätsfördernd ist. Maschinen kommen zum Einsatz, um den Menschen von harter Arbeit zu entlasten. Dass man das den Verbrauchern erklären kann, bewies die Bäckerei beispielsweise an einem Tag der offenen Tür. 10.000 Besucher begannen ihre Bäckereitour beim technischen Prunkstück des Betriebes – der von den Hackners mit entwickelten Brezel-Anlage –, sahen an anderen Stationen dann auch die klassische Handarbeit. Am Ende der Führung präsentierten sich schließlich mit eigenen Ständen die Lieferanten des Betriebes, wodurch der Anspruch der Regionalität wie der besonderen Qualität noch einmal bewiesen wurde. Seinen Mohn bezieht das Backhaus aus dem Wiener Waldviertel, die Eier kommen von glücklichen Hühnern aus dem Raum Ingolstadt, Salz aus Luisenhall – mit dem höchsten Reinheitsgrad, den Salz haben kann – sorgt für den reinen Genuss. Selbst bei der Bezugsquelle für Haselnüsse überlassenen die Hackners nichts dem Zufall. Geliefert werden die von einer Farm bei Neapel, die Thomas Hackner selbstredend besuchte. Bäcker-Kollegen können von der Familie Hackner lernen, wie modernes Marketing heutzutage auszusehen hat. Der Familienbetrieb bespielt die komplette Klaviatur – vom klassischen Print über Events und Sponsoring bis hin zu den sozialen Medien.

Die Rheinische Backkultur Terbuyken von Peter Terbuyken genießt im deutschen Bäckerhandwerk schon seit Längerem einen Sonderstatus. Während viele andere Filialbäckereien auf überregionale Expansion setzten, konzentrierte sich Terbuyken auf sein Kerngebiet und sicherte so seine ausgezeichnete Qualität – nicht zuletzt durch regelmäßige Frischbelieferung aus der Backstube bis in die Abendstunden. Für das Backen vor Ort in einigen Geschäften hat Terbuyken ein Schaubackkonzept entwickelt, das gleichzeitig handwerkliche Qualität garantiert und dem Kunden die Arbeit der Bäcker nahebringt. Für die Verbindung von Tradition und Moderne steht auch der Name Rheinische Backkultur. Das Geschäft mit Muffins, Donuts oder Bagels überlässt Terbuyken den Wettbewerbern und punktet lieber mit  regionalen Produkten. Rund um diese Philosophie etablierte die Bäckerei eine Markenkultur, von der sich auch viel größere Unternehmen etwas abschauen können. Da der Unternehmer mit den Mitarbeitern in seinen 27 Fachgeschäften nicht mehr täglich direkt kommunizieren kann, setzt er auf moderne Hilfsmittel wie einen regelmäßigen Newsletter oder eine Ideenbörse. Schließlich gehörte die Rheinische Backkultur zu den ersten Handwerksbäckern Deutschlands, bei denen der Kunde per App vorbestellen und seine Backwaren dann an einer Schnell-Bedienungstheke abholen kann. Sogar Sonderwünsche werden per App erfüllt. Kurz: Wer erleben will, wie fortschrittlich das Bäckerhandwerk sein kann, sollte der Rheinischen Backkultur Terbuyken einen Besuch abstatten.

Dass die Mecklenburger Backstuben nicht mit dem Ende der DDR verschwunden sind, ist dem unternehmerischen Einsatz der Familie Neumann zu verdanken. Günther Neumann, seines Zeichens Diplom-Ingenieur, leitete im real existierenden Sozialismus das Fernsprechamt eines Kreises. Wegen verbotener Westkontakte verlor er diese Stelle und musste deshalb eine Arbeit als Lagerist bei der volkseigenen Bäckerei in Waren an der Müritz antreten. Mit der Wiedervereinigung war der Betrieb mit seinen 280 Mitarbeitern in akuter Gefahr, abgewickelt zu werden. Neumann und drei Mitstreiter wollten das nicht akzeptieren, gingen ein großes Wagnis ein und übernahmen die kurz vor der Insolvenz stehende Bäckerei von der Treuhand. Heute gibt das Familienunternehmen Mecklenburger Backstube 600 Menschen Arbeit und die Ausbildungsleistung ist branchenweit anerkannt – dokumentiert durch die Auszeichnung als TOP-Ausbilder des Landes Mecklenburg-Vorpommern sowie den „Baker Maker Award“. Die Zukunft ihrer Bäckerei sichern Günther und Bärbel Neumann sowie ihre Töchter Kathrin Rossa und Christina Kohn durch die erfolgreiche Schaffung mehrerer Standbeine: klassisches Filialgeschäft, Belieferung des Lebensmittelhandels mit Frischbackwaren und schließlich den Export von tiefgekühlten Backwaren. Handwerkliche Spezialitäten aus den Mecklenburger Backstuben werden heute nicht nur in der Stamm-Region, sondern auch in Skandinavien, Kalifornien oder Taiwan genossen. Ein vorbildliches soziales Engagement rundet den Auftritt der Bäckerei ab. 

Auch die Mohn AG war zum Zeitpunkt der Übernahme durch Roger und Lorena Mohn nicht auf Rosen gebettet. Um ihr Ziel „Begeisterte Kunden, Begeisterte Mitarbeiter. Begeisterte Geschäftsführung“ zu erreichen, konnten die beiden nicht auf große Marketingetats oder umsatzstarke Standorte zurückgreifen. Also setzten sie auf das Engagement und die Initiative der Mitarbeiter. Rund um diese vermeintliche Notlösung ist heute ein System der Mitarbeiterförderung, -einbindung und -motivation entstanden, das unter handwerklichen Bäckereien seinesgleichen sucht. Auf dieser Basis gelang es Roger und Lorena Mohn in einem sehr schwierigen Marktumfeld – dominierender LEH und Billig-Konkurrenten aus dem nahen Deutschland – den Umsatz mehr als zu vervierfachen. Auch in der Backstube geht die Familie Mohn neue Wege: Gebacken wird in einer hölzernen Produktion, die nicht nur höchste qualitative, sondern auch hygienische Ansprüche erfüllt. Mitarbeiterfreundliche Arbeitszeiten durch ein hochmodernes Produktionskonzept machen den Bäckerberuf wieder attraktiv. Schließlich sind die Standorte von Mohn nicht nur Kundenmagneten, sondern liefern auch den Schweizer Kollegen Inspiration, beispielsweise durch den Drive-in des Backstubenladens oder eine rund um einen Holzbackofen gebaute Bäckergastronomie.      

Die Organisation des Marktkiekers liegt beim Fachmagazin Back Journal aus der Inger Verlagsgesellschaft in Osnabrück. Mitglieder der Jury sind Michael Wippler (Präsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks), Fridjof Olms (Marktkieker-Stifter), Jutta Armbruster-Oberdorfer (Bäckerei Armbruster, Preisträger 2012), Dr. Gerhard Bosselmann (Landbäckerei Bosselmann, Preisträger 2000), Stefan Soiné (Ireks GmbH), Reto Fries (Direktor der Bäckerfachschule Richemont, Schweiz), Rainer Pastätter (RPPV GmbH), Prof. Michael Kleinert (ZHAW, Wädenswil, Schweiz), Trond Patzphal (Geschäftsführer Inger Verlag) und Dirk Waclawek (Chefredakteur Back Journal).


Der Marktkieker 2018 wurde unterstützt von Ireks, Martin Braun, Vandemoortele, Meisterkaffee, Samuelson, Stampay und Clean 24.